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Mittelpunkt Europas (802 m ü.NN)

Historische Stätten, Sehenswertes, Infopunkt

Granitsäule Mittelpunkt Europas am Tillenberg

Dem Wanderweg entlang der deutsch-tschechischen Grenze folgend gelangen Sie durch sagenumwobene Wälder vorbei am Königsstein und am Granatbrunnen zum Mittelpunkt Europas.

Der jetzige Gedenkstein stammt aus dem Jahr 1985, der Originalstein von 1865. Standort war der höchste Punkt des bewaldeten Tillenberges, tschechisch Dylen, 939 m ü NN – 12,5° ö.L./49,96° n.B.- südöstlich der ehedem freien Reichsstadt Eger im sog. Egerland.

Zu seiner Entstehung:
Das k. und k. militärgeografische Institut in Wien führte zwischen 1865 und 1873 trigonometrische Messungen durch, bei denen sich der Tillengipfel wegen seiner Lage und Höhe hervorragend für Fernbeobachtungen eignete. Die Beobachtungen führte Baron von Zezschwitz vom 21. Juli bis 31. August 1865 mit einem 26 cm-Theodolit von Starke und  Kammerer durch. Die Sicht reichte weit hinein nach Westböhmen und zum Elster- und   Erzgebirge bzw. Kaiserwald und Oberpfälzer Wald. Die Beobachtungen 1873 führte von Sterneck durch. Um diese Beobachtungen überhaupt tätigen zu können, musste ein Festpunkt, der nach möglichst vielen Seiten nach Winkeln trigonometrisch fixiert war, vorhanden sein. Diese übernahm ein Granitpfeiler, der auf dem Tillengipfel errichtet wurde und als Hauptdreieckspunkt 1. Ordnung des böhmischen Vermessungsnetzes eingemessen war. Schon in der „Übersicht der in Böhmen bestimmten (1824-1828, 1830-1840) und stabilisierten (1845 – 1850) Triangulierungspunkte“ war dieser Punkt – damals noch nicht stabilisiert – aufgeführt. Der österreichische Gradmessungspfeiler gehörte später auch dem Basisvergrößerungsnetz bei Eger (Endpunkt der Basisvergrößerungsseite 5543 Fichtelberg – 6ß41 Tillenberg) an und war ferner Punkt sowohl im tschechischen Grundnetz 1. Ordnung als auch im tschechischen Einheitsnetz 1. Ordnung. Er diente damit als wichtiger Bezugspunkt in der Landvermessung, wie sie für amtliche Lagevermessungen unentbehrlich sind. Seine Funktion war zunächst rein vermessungstechnischer Art. Laut Fundamentaltriangulierungsblatt CM-ML Cheb/Eber vom 3./4. August 1934, in dem der der ehemalige k.uk.- Vermessungspunkt von der Triangulierungskanzlei des Fin. Min. in Prag in einem Triangulierungsblatt Nr. 890-1040, Spezialmappe 4049 erfasst und beschrieben wurde, hatte dieser folgendes Aussehen: Oberirdische Vermarkung: Granitquader 36x37x115 cm mit flacher Spitze, auf der Kopffläche ein kleines Loch (= oberes Vermarkungszeichen), Aufschrift

C.R.OPER
ASTR TRIG
PRO
MENS GRAD
MED EUROP
1865

Unterirdische Vermarkung: „Es wurde ein Granitwürfel 33.33.30 cm mit einer 10 cm weiten und 3 cm tiefen kreisförmigen Öffnung, in welcher sich ein 2 1/1 cm hoher Bolzen von 4 cm Durchmesser mit einem eingravierten Kreuz befand, welcher die unterirdische Festlegungsmarke vorstellte, gefunden“ (aus o.g. Spezialmappe aus dem Tschechischen übersetzt). Vorbehaltlich der Tatsache, dass man eine so unregelmäßige Landmasse wie Europa weder vermessungstechnisch noch rechnerisch exakt ausmitteln kann, Vermessungstechniker legen auf diese Tatsache großen Wert, hat sich der Granitstein auf dem Tillenberg über seine trigonometrisch wichtige Bedeutung hinaus zu eben diesem Mittelpunkt Europas entwickelt, wie er neben seinen Einmeißelungen auch von der tatsächlichen geografischen Lage prädestiniert war. Errichtet auf dem Tillenberg im Egerland – gewissermaßen im Schnittbereich des westlichen und östlichen Kulturkreises und seit jeher im Brennpunkt der wirtschaftliche, kulturellen und geistigen Strömungen des gesamten mitteleuropäischen Raumes – hat er neben seiner trigonometrischen Aufgabe eine immer größer werdende Symbolkraft bekommen. Ob Zufall oder nicht, er stand (vor allem auch aus sicht der K. und K. – Monarchie) im Herzen Europas. Jüngste Versuche von hüben und drüben, einen Mittelpunkt Europas absolut darstellen zu wollen, sind wohl nur als geistige „Ableger“ dieser Tatsache zu werten. Der weitere Werdegang der österreichischen Granitsäule zeigte dann folgende Stationen: Der Mittelpunktstein auf dem Tillenberg wurde nach seiner Errichtung zu einem beliebten Ziel- und Ausflugspunkt aus Bayern und Böhmen. 1926 errichtete die Sektion Eger des Deutschen Alpenvereines gar ein Vereinsschutzhaus, das sog. Tillenschutzhaus, welches von tschechischer Seite allerdings nach dem 2. Weltkrieg abgetragen und nach Pilsen transportiert wurde. 1934 lässt Prag über dem Stein einen 10 m hohen Beobachtungsturm aus Holz errichten. Vom Stein selbst wird die Spitze flach zugeschlagen und das ehedem runde Loch durch ein eingemeißeltes Kreuz ersetzt. Die Säule als ganzes samt der weiteren ober- und unterirdischen Vermarkungsmerkmale wird „dem Erdboden gleich in die Erde eingegraben..“ und “…auf der, dem lateinischen Text gegenüberliegenden Seite …, die Jahreszahl 1934 eingemeißelt“ (aus vorher genannter Quelle) ( Anmerkung: Nach diesem offiziellen „Verschwinden“ des Steines setzten überall Spekulationen über Aussehen, Standort etc. ein, so mancher nachforscher glaubt nun, anderswo „seinen“ Mittelpunktstein entdeckt zu haben). Der Stein wird exzentrisch durch 4 Platten 3.O. gesichert. 1939 errichtet das damalige Reichsamt für Landesaufnahme in Berlin einen 30 m hohen Holzturm, damit ein Jahr später trigonometrische Messungen für das Deutsche Hauptdreiecksnetz (höhere Anforderungen!) durchgeführt werden können. Wann der Holzturm abgetragen wurde, ist nicht bekannt. Die Säule wird hierbei wahrscheinlich entfernt worden sein. In den 60er Jahren errichtet die CSSR auf dem großen Gipfelareal des Tillen eine militärische Radarstation. Durch deren Bau und durch die Errichtung des absolut undurchlässigen „Eisernen Vorhangs“ am Tillenhang gehen die ehemaligen Markierungen verloren. Der Ausflugsverkehr hört schlagartig auf. Der Tillenberg, und mit ihm der Mittelpunkt Europas, rücken mitsamt dem durch die politischen Entwicklungen mittendurch zerrissenen Egerland herüben an den östlichen Rand und drüben an den westliche Rand der jeweiligen Hemisphäre. Das ehemalige Herzstück Europas wird Randgebiet. Die neue Granitsäule „Mittelpunkt Europas“ von 1985 Nach Vorarbeit durch örtliche Kulturvereine und eingedenk der früheren Bedeutung des Vorgängersteines beschloss der Marktrat der Gemeinde Neualbenreuth am 21. Mai 1985, die Errichtung eines Nachfolgersteines zu unterstützen. Es sollte ein Stein errichtet werden, der seinem Vorläufer möglichst nahe kommt, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Nachdem der Tillengipfel tschechisches Gebiet ist, wurde als Standort der höchstgelegene bayerische Punkt 802 m NN im weiten Umkreis gewählt, die Spitze des „Hohen Haues“ am sogenannten „Sauweg“. Die unmittelbare Position am Eisernen Vorhang (19,20 m von der tschechischen Grenzlinie entfernt) soll symbolisch die Verdrängung in die politische und geografische Randlage innerhalb Europas versinnbildlichen. Es handelt sich um einen 17 Zentner schweren Granitstein aus Flossenbürger Granit, den der Tirschenreuther Steinmetzmeister Rudolf Strötz auf die Maße 47×44.135 cm zugehauen hat. Eingemeißelt sind neben den lateinischen Originalbuchstaben von 1865

  • Mittelpunkt Europas + lat. Text = vordere Breitseite
  • 1284 (erstmalige urkundliche Erwähnung von Neualbenreuth)
  • 1985 (Errichtungsjahr) = linke Schmalseite
  • Wappen von Neualbenreuth und Eger (als geschichtlich eng verwachsene Orte) = hintere Breitseite
  • 1591 (Fraischrezeß) – 1862 (Wiener Vertrag)

Gestaltung und Standort des neuen Steines bringen seine Aufgabe deutlich zum Ausdruck: Neben seiner ehemaligen hoheitlichen Funktion als trigonometrischer Stein 300 m berauf im Tschechischen soll der jetzige Stein im übertragenen Sinn

  • erinnern an eben diese damalige Aufgabe als trigonometrischer Punkt 1. Ordnung
  • die seinerzeitige Position in der Mitte Europas, wie sie sich auf seinem Vorgänger darstellte und im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte in der Region rundum übertrug, wach halten
  • Symbol sein für die enge Verbundenheit aller Egerländer, wie sie der Lauf der Geschichte bis zum 2. Weltkrieg wachsen ließ
  •  …ein Stein des ständigen Denk-Anstoßes für uns alle.

von Meinhard Köstler, 1985

Autor
Landkreis Tirschenreuth
Landkreis Tirschenreuth
Quelle
Zuletzt geändert am 11.07.2019 12:49:00

Öffnungszeiten


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